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Sonntag, 6. September 2015

Schwitzigkeit hat seine Grenzen

Von 1675 bis 1715 hatten wir einen besonders kalten Zeitabschnitt. Das ist jetzt auch wieder 300 Jahre her. Unglaublich. Aber es ging grad so weiter, bis sage und schreibe 1850 soll das Klima recht kühl gewesen sein, Fachleute sprechen von der "Kleinen Eiszeit", bevor es sich dann langsam wieder erwärmte. Paganini, Geiger und Gitarrist, Lebensdaten 1782-1840, hatte so nebst manchem Ungeschick wohl wenigstens das Glück, auf seiner "Kanone" spielend genügend Stoff tragen zu können, einen Stehkragen zum Beispiel, der ihn vor den schwitzigen Klebrigkeiten schützte, denen andere Geiger in wärmeren Gefilden am leichtesten entgehen, wenn sie gleich das ganze Geigenspiel sein lassen.

Paganini's Lieblingsgeige, die "Kanone"
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Il_Cannone_Guarnerius

Ganz ohne schwitzigen Hautkontakt zwischen Geige und Paganini scheint es aber auch wieder nicht geklappt zu haben, wie obiges Bild beweist, sofern die Annahme stimmt, dass die Schweißflecken von Paganini höchstpersönlich stammen? Ja, es sind Schweißflecken, unten, links und rechts vom Saitenhalter. 
 Als Paganini Geige spielte, gab es noch keine Kinnhalter, und Schulterstützen schon gar nicht. Für heutige Geiger unvorstellbar, spielte Paganini, so wie alle Geiger damals, völlig frei, und intim, ohne auch nur eines dieser beiden "Stützräder" der modernen Zeit: Kinnhalter. Schulterstütze. Mit Einführung dieser Hilfen gingen auch instrumentaltechnische Fähigkeiten der linken Hand verloren, die man sich nur ohne sie erarbeiten kann. Ich glaube, heute sollte man eigentlich jedem Anfänger empfehlen, in den ersten fünf Jahren gegen den Druck der Allgemeinheit auf Kinnhalter und Schulterstütze vollständig zu verzichten. Das ist, richtig gemacht, auch gesünder für den Hals und die ganze Wirbelsäule, man entkommt so einer ganzen Menge Schmerzen und Folgeschäden. Später kann dann ja immer noch mit den Stützrädern experimentiert werden: dann aber nicht ohne die wertvollen Fähigkeiten der linken Hand aus der Eiszeit, die man nur dort hat entdecken können.

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